Dürfen Straßen benannt sein nach Menschen, die Lobeshymnen auf den *Führer* verfasst haben?

By admin um 20:52 am Freitag, März 22, 2013

Gestern tagte der Sunderner Heimatbund mit einem sehr informativen Vortrag von Peter Bürger über die strammen Nationalsozialisten Karl Wagenfeld, Nellius und Maria Kahle, nach denen in Sundern in den 70ger Jahren Straßen benannt wurden. Sie waren exponierte Vertreter des völkischen  Flügels des westfälischen Heimatbundes  in Nationalsozialistischer Zeit und auch darüber hinaus.

Am eindeutigsten sah Peter Bürger die Nationalsozialistische völkische Ideologie bei Maria Kahle vertreten: Sie hat sich  auch nach dem Krieg  nicht von dem völkischen Denken distanziert.

Etwas kontrovers wurde die Diskussion beim Namen Nellius: Klaus Baulmann (ehemaliger Studienrat am Gymnasium und Ehrenvorsitzender des Heimatbundes) vertrat die Auffassung, dass man das Ganze auf sich beruhen lassen solle, jeder habe seine Schuld. Von einem Hachener Bürger wurde eingewandt,  der Komponist Nellius sei  in Hachen sehr beliebt (er hat den Hachener Gesangverein wohl öfter vor Heinrich Lübke dirigiert) und von daher sei wenig verständlich sei, wenn mann die Nelliusstraße nicht mehr nach ihm benenne. Peter Bürger bestätigte, das Nellius ein ganz hervorragender Komponist gewesen sei und sehr einfühlsame Stücke  in sauerländer Mundart geschrieben habe. Aber von Nellius stammen auch viele Lobesoden übelster Art  auf den *Führer*.  Wenn nach jemandem eine Straße benannt werde, so müsse die Person ein Vorbild sein. Und wie kann dies jemand sein, der Führerkult und völkische Ideologie verbreitet hat?

Interessant in dem Zusammenhang ist ein Artikel in Wikipedia über den Schmallenberger Dichterstreit 1957. Damals wurde das Thema diskutiert. Umso unverständlicher ist, warum dann in den 70ger Jahren die Straßennamen nach diesen völkischen Vertreten benannt wurden. (und von wem sie vorgeschlagen wurden).

Hier der Auszug aus Wikipedia. Es könnten sich daraus eventuel auch Vorschkläge für alternative Namen ergeben:

*Der Schmallenberger Dichterstreit war im Jahr 1956 eine Debatte unter Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern über die Zukunft und Vergangenheit der Literatur in Westfalen.

Auf Einladung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe trafen sich mit finanzieller Hilfe der Stadt Schmallenberg eine Reihe von Autoren, Kritikern und Literaturwissenschaftlern in dieser sauerländischen Gemeinde. Die Initiatoren waren überrascht, dass sich das als harmonisches Literatengespräch gedachte Treffen zum schärfsten Konflikt über die Rolle der regionalen Literatur in Westfalen in den Nachkriegsjahren überhaupt entwickelte. Neben Inhalten war dies auch ein Generationenkonflikt. Auf der einen Seite stand eine ältere Generation von Heimatschriftstellern. Dazu zählten vor allem die sieben noch lebenden Träger des Westfälischen Literaturpreises. Deren konservative, völkische oder einfach traditionalistische Literaturauffassungen hatten sich vor und während des nationalsozialistischen Deutschen Reiches entwickelt. Diese Haltung wurde von einer jüngeren Generation in Frage gestellt. Zu ihnen gehörten Erwin Sylvanus, Friedrich Wilhelm Hymnen, Hans Dieter Schwarze, Paul Schallück und Ernst Meister. Diese suchten nach der Befreiung den Anschluss an die literarische Moderne.

Beide Lager trafen zum ersten Mal bei einer öffentlichen Lesung vor über 2.000 zahlenden Zuhörern in der Schmallenberger Stadthalle aufeinander. Dabei stieß die moderne Lyrik einiger Autoren auf offenes Unverständnis. Die eigentliche Debatte fand im engeren Kreis im Hotel Störmann statt. Dabei stellten die Jüngeren insbesondere den Heimatbegriff in Frage. Anstoß zur Debatte hatte der in Münster lehrende Germanist Clemens Heselhaus gegeben. Danach hätte eine eigenständige westfälische Literatur nie existiert. Das angeblich genuin Westfälische etwa bei Christian Dietrich Grabbe, Ferdinand Freiligrath oder Annette von Droste-Hülshoff sei eine nachträgliche Mystifikation. Kritisiert wurde an der älteren Literaturauffassung auch die Nähe zur Blut-und-Boden-Ideologie. Beim Fortsetzen dieser Art von Literatur und der Betonung von Heimat und Volkstum würde dieser Geist, den man überwunden glaubte, durch die Hintertür wieder salonfähig gemacht.

Über den Konflikt wurde von der Presse berichtet, und in der interessierten Öffentlichkeit etwa in Leserbriefen über Monate diskutiert. Er hat dazu beigetragen, dass sich entgegen der Absicht der Initiatoren die literarische Moderne auch in der westfälischen Provinz durchzusetzen begann. Ein Indiz dafür war, dass nur ein Jahr später der während des Treffens viel gescholtene Ernst Meister zum Entsetzen der Traditionalisten den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis erhielt.*

 

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