Können Kassenpatienten im ländlichen Bereich bald keinen Arzt mehr finden?

By admin um 9:02 am Freitag, Januar 22, 2010

In unserer Nachbarstadt Plettenberg hat vor kurzem der einzige ansässige Augenarzt seine Kassenzulassung zurückgegen und behandelt zukünftig nur noch Privatpatienten. Sollte dieses Beispiel Schule machen haben Kassenpatienten im ländlichen Raum zukünftig weite Wege vor sich, wenn sie einen Arzt aufsuchen wollen.
Hier der entsprechende Artikel aus dem Plettenberger Regionalteil der Westfaelischen Rundschau:

Gesundheit Augenarzt für Plettenberg nicht in Sicht
Plettenberg, 23.10.2009, Bernhard Schlütter

Plettenberg. Plettenberger, die in den gesetzlichen Krankenkassen versichert sind, müssen ab Januar längere Fahrten in Kauf nehmen oder die Behandlungskosten aus eigener Tasche zahlen, wenn sie eine augenärztliche Behandlung benötigen.
Eine Nachfolge für den Augenarzt Dr. Norbert Freiburg, der seine kassenärztliche Zulassung abgibt (WR berichtete), ist nicht in Sicht.
Zwar hat die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) zwei Vertragsarztsitze für Augenarztpraxen ausgeschrieben, Interessenten sind aber offenbar nicht in Sicht. Erschwerend aus Plettenberger Sicht ist die Tatsache, dass mögliche Bewerber sich nicht unbedingt in der Vier-Täler-Stadt niederlassen müssen. Die Ausschreibungen beziehen sich auf den Märkischen Kreis.
Es sei nicht erlaubt, die Ausschreibung auf einen Ort zu begrenzen, erklärte Dr. Martin Junker, Leiter der KVWL-Bezirksstelle in Lüdenscheid im Gespräch mit der WR. Gut möglich also, dass sich bald vermeintlich attraktivere Städte wie Lüdenscheid oder Iserlohn über einen neuen Augenarzt freuen können, Plettenberg aber in die Röhre schaut.
Schwierige Suche nach Nachfolgern
„Wir können die Leute ja nicht hier hinprügeln”, meint Junker. „Besonders auf dem platten Land ist es schwierig, Nachfolger für die Praxen zu bekommen.” Junge Ärzte ziehe es in die Ballungsräume, weil dort die zurückgehenden Honorare aus den gesetzlichen Krankenversicherungen eher durch Privatpatienten ausgeglichen werden könnten. So gebe es etliche Ärzte in seinem KVWL-Bezirk, zu dem neben dem Märkischen Kreis die Kreise Olpe und Siegen gehören, die auf der Suche nach Nachfolgern für ihre Praxis nicht fündig werden.
Zur Verbesserung der Rahmenbedingungen möchte Junker auch die Kommunen in die Pflicht nehmen: „Die Kommunalpolitiker haben lange nichts getan. In den neuen Ländern bieten Städte niederlassungswiligen Ärzten zum Beispiel Immobilien an.”
Möglichkeiten der Stadt begrenzt
Für Plettenberg sieht Bürgermeister Klaus Müller diese Möglichkeit zwar nicht, könnte sich aber grundsätzlich die Vermittlung „gut bezahlbarer Mieträume” vorstellen. Es sei allgemein festzustellen, dass es schwierig ist, gut ausgebildete Leute nach Plettenberg zu locken, dieses Phänomen beschränke sich nicht auf Ärzte. „Wir können nur mit unserer Stadt und Region werben”, sagt Müller.
Fest steht: Eine schnelle Lösung im Sinne der Patienten in Plettenberg ist nicht zu erwarten. Ihnen bleibt nur der Weg in die Nachbarstädte. Die nächste vertragsärztliche Augenarztpraxis befindet sich in Werdohl. Die Arztsuche auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (www.kvwl.de) ergibt im Umkreis von 25 Kilometern von Plettenberg 25 Augenärzte, mit dem öffentlichen Personennahverkehr einigermaßen problemlos zu erreichen sind aber nur die Praxen in Attendorn, Altena und Lüdenscheid.
INFO:
• Augenarzt Dr. Norbert Freiburg gibt seine kassenärztliche Zulassung ab und behandelt ab Januar nur noch privatversicherte Patienten.
• Gesetztlich Versicherte können sich weiterhin bei ihm behandeln lassen, müssen die Kosten dafür aber selbst tragen, ebenso wie die Kosten für von ihm verschriebene Arzneimittel.
• Behandlungskosten werden von den gesetzlichen Kassen nur in absoluten Notfällen nachträglich übernommen.
KOMMENTAR
Die Rückgabe seiner Kassenzulassung bezeichnet Dr. Freiburg als Protest gegen die Honorarreform der niedergelassenen Ärzte. Dem Anliegen seines Berufsstandes, eine angemessene Bezahlung für die qualifizierte Versorgung der Patienten zu erhalten, erweist er damit einen Bärendienst. Statt Interesse und Verständnis in der Bevölkerung zu wecken, heizt er den latent vorhandenen Sozialneid auf die Ärzte an. Deren begründete Kritik am Gesundheitssystem gerät damit in der öffentlichen Meinung einmal mehr in den Ruch des Klagens auf hohem Niveau.
Freiburgs Vorgehen lässt den Schluss zu: Er hat sein Scherflein im Trockenen, ist in seinen verbleibenden Berufsjahren finanziell nicht mehr auf die Behandlung von Kassenpatienten, die auch in seiner Praxis den weitaus größeren Anteil der Kundschaft ausmachen, angewiesen. Und die gesetzlich Versicherten, die – weil sie z. B. aus Altersgründen nicht mobil sind – keine Möglichkeit haben, seine Kollegen in den Nachbarstädten aufzusuchen, müssen eben Bares auf den Tisch legen.
Dass er dadurch die Ansiedlung eines neuen Augenarztes in Plettenberg zusätzlich erschwert, zeugt nicht von Verantwortungsgefühl. Freiburg will nur noch die Sahnehäubchen, den trockenen Kuchen sollen andere essen. Kein junger Facharzt wird sich unter diesen Umständen in der Kleinstadt Plettenberg niederlassen. Der Anfang wäre viel zu schwer.

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2 Comments »

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Pingback by zoom » Umleitung: Sozialstaat und Love-Parade in Gefahr, SPD. Rüttgers und Hombach und Neues vom Lande … «

Januar 22, 2010 @ 7:37 pm

[…] auf dem Lande: bald ohne Arzt? … gruenesundern Tags »   Feuerwehr, Hombach, Kassenpatienten, Love-Parade, Rüttgers, […]

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Kommentar by Schreiber

Januar 25, 2010 @ 10:03 pm

Es wird nicht der letzte Arzt sein, der seinen Kassenladen zumacht. Mit nicht mal 7 Euro pro Monat kann man keine Patienten mehr behandeln. Da hilft auch die Aussage im Kommentar „Jammern auf hohem Niveau“ nicht. Wie man 7 Euro als hohes Niveau bezeichnen kann, bleibt rätselhaft. Jetzt rächt sich die sozialistische Gesundheitspolitik.

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