Lee(h)rstellenskandal auch im Sauerland?

By admin um 10:30 am Donnerstag, Oktober 12, 2006

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Kommentar zum Ausbildungspakt
Betrogene Jugend
VON KATHARINA SPERBER

Es ist ein Skandal. Ein schwächeres Wort kann man nicht wählen, wenn
noch rund 50 000 junge Menschen keinen Ausbildungsplatz haben. Vor
gerade mal drei Wochen hat der Bundespräsident in seiner Rede zum
Bildungsnotstand 30 000 fehlende Lehrstellen vorausgesagt. Schon
diese Zahl wäre eine Schande gewesen. Doch die Wirklichkeit sieht
noch schlimmer aus.

All die Sonntagsreden, die größere Anstrengungen in Bildung und
Ausbildung verlangen, werden ganz offensichtlich zum Fenster hinaus
gehalten. Das ist ein böses Signal für die Jugend. Ihr werden ständig
Versprechen gemacht, die nicht gehalten werden. Der vor zwei Jahren
unter großem öffentlichen Getöse geschlossene Ausbildungspakt ist ein
Beispiel. Wenn heute 9000 Bewerber mehr als im Vorjahr noch nicht
vermittelt werden konnten, dann kann man getrost sagen: Der Pakt ist
gescheitert.

Die Wirtschaft erfüllt ihre im Vertrag vollmundig gegebenen
Versprechen nicht, wenn die Unternehmen in diesem Jahr rund 8000
Lehrstellen weniger als 2005 der Bundesagentur für Arbeit gemeldet
haben. Eigentlich hatten sie angekündigt, mehr Ausbildungsplätze zu
schaffen. Es ist scheinheilig, wenn allenthalben alte Männer das
Aussterben der Deutschen beklagen, den heutigen Jugendlichen aber in
großer Zahl schon der Einstieg ins Berufsleben verweigert wird.

Vollends unbegreiflich ist, dass viele Unternehmen heute schon
wissen, dass ihnen in wenigen Jahren die Fachleute fehlen werden, sie
aber jetzt nichts in die Ausbildung derselben investieren wollen. Das
ist schizophren. Und warum verhält sich die Wirtschaft so? Weil viele
Betriebe sich in der Konjunkturflaute angewöhnt haben, nur noch
betriebswirtschaftlich zu rechnen, und die Volkswirtschaft aus den
Augen verloren haben. Das aber wird sich rächen.

Gewerkschaften verlangen eine Ausbildungsplatzabgabe. Unternehmen,
die keine Lehrstellen bieten, sollen dafür zahlen. Mit dem Geld
sollen anderswo Ausbildungsplätze geschaffen werden. Fragt sich nur,
wo. Denn wahrscheinlich zahlt ein Betrieb lieber seine Strafe, weil
sich das betriebswirtschaftlich eher rentiert, als Jugendliche
gründlich auszubilden. Dieses kurzfristige Denken hat sich leider wie
eine Pandemie ausgebreitet. Denn auch die Bundesagentur für Arbeit
kommt ihrem gesetzlichen Auftrag, qualifizierte Berufsberatung
anzubieten, nur ungenügend nach. Aus betriebswirtschaftlichen
Erwägungen spart sie an allen Ecken und Enden und hat bei ihrem
Umbauprogramm dieses Thema einfach vergessen. Und so wird nur noch
geschaut, wie man zügig die Schulabgänger unterkriegt. Auch das rächt
sich, wenn die Ausbildungen schnell wieder abgebrochen werden.

Wie wichtig gute Beratung wäre, zeigt die von den Betrieben sehr
geschätzte „Einstiegsqualifizierung“. Die erhalten Jugendliche, deren
Schulabschlüsse zu wünschen übrig lassen. Die Unternehmen können die
jungen Leute so preiswert eine längere Zeit testen und weiterbilden.
Denn eines ist leider auch wahr: Schulen erfüllen ihre Aufgabe nicht,
wenn im vergangenen Jahr 80 000 Jungen und Mädchen keinen
Schulabschluss erreichten. Auch das ist ein Skandal.

Was ist zu tun? Es muss ein neuer Vertrag her, an dem auch die
Schulen beteiligt sind. Er muss verbindlich sein. Und die Politik
darf sich schließlich nicht von den Einzelinteressen der Unternehmen
beeindrucken lassen, sondern muss das Wohl der Volkswirtschaft an die
erste Stelle rücken.

Aktuell: Zehntausende noch ohne Lehrstelle

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Copyright © FR online 2006
Dokument erstellt am 11.10.2006 um 17:36:17 Uhr
Letzte Änderung am 11.10.2006 um 18:03:02 Uhr
Erscheinungsdatum 12.10.2006

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