Rede von Bürgermeister Lins auf dem jüdischen Friedhof Stockum

By admin um 20:00 am Montag, November 18, 2013

Kranzniederlegung anlässlich „75 Jahre Pogrom“

Friedhof Stockum

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zu Beginn unserer Gedenkstunde möchte ich Ihnen sehr herzlich danken, dass Sie um diese häufig für private Angelegenheiten reservierte Uhrzeit auf den Friedhof in Stockum gekommen sind.

Wir erinnern heute an eine der dunkelsten Stunden deutscher Geschichte.

Das Unrecht, das damals vor 75 Jahren hier in Sundern, in ganz Deutschland jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern angetan wurde, dieses Unrecht erfüllt uns bis heute mit Trauer, mit Entsetzen, mit Scham.

Denn die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war für die jüdischen Deutschen ein einziger Albtraum. Überall in Deutschland wurden Synagogen und Bethäuser in Brand gesteckt, Wohnungen und Geschäfte jüdischer Nachbarn demoliert oder geplündert. Überall in Deutschland wurden Jüdinnen und Juden bedroht und misshandelt, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet.

Das November-Pogrom, die sog. „Reichskristallnacht“, wie es wegen der vielen zersplitterten Glasscheiben damals beschönigend hieß, das Pogrom wurde in aller Öffentlichkeit verübt. Ein brennendes Gotteshaus kann niemand übersehen, berstende Fenster und Türen niemand überhören. Jeder bekommt es mit, wenn Nachbarn drangsaliert, wenn sie an Leib und Leben bedroht werden.

Die antisemitische Hetze traf Menschen, die im Haus oder der Wohnung nebenan wohnten oder die dieselben Kulturveranstaltungen besuchten, betraf Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen oder Vereinskameraden, sie betraf Inhaber von Geschäften, in denen alle kauften, oder Ärzte und Rechtsanwälte, die von allen aufgesucht wurden.

Die Juden führten in Deutschland ein ganz normales Leben. Sie gingen Tag für Tag ihrer Arbeit nach und kümmerten sich um ihre Kinder, sie waren mehr oder weniger religiös und mehr oder weniger politisch interessiert, so wie all die anderen um sie herum auch.

Dieses normale Leben endete jäh, als die Nationalsozialisten vor gut 80 Jahren, am 30. Januar 1933, an die Macht kamen. Sie fackelten nicht lange, um ihr antisemitisches, die Menschenrechte missachtendes Programm in die Tat umzusetzen. Und wer behauptet, anfangs wäre es doch gar nicht so schlimm gewesen, der kennt die Geschichte nicht.

Bereits am 1. April 1933, also 2 Monate nach Machtantritt, fand die erste Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte sowie Ärzte und Rechtsanwälte statt. Hier war auch Sundern keine Ausnahme, wurde doch das Geschäft von Levi Klein als deutschem Staatsbürger jüdischen Glaubens boykottiert.

Die Entwicklung in Sundern möchte ich an dieser Stelle jedoch aussparen, haben sich doch dankenswerterweise die Autoren des lesenswerten Buches „Die Geschichte der Juden in Sundern“, Irmgard Harmann-Schütz sowie Franz Blome-Drees, bereit erklärt, gleich im Anschluss über das jüdische Leben in Sundern zu berichten.

Ihnen beiden darf ich bereits an dieser Stelle hierfür sehr herzlich danken.

In den Jahren nach 1933 nahmen die Diskriminierungen und Verfolgungen der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger immer mehr zu. Das November-Pogrom stellt eine weitere, brutale Eskalation dar.

Die Frage, warum dies alles geschehen konnte, wurde häufig gestellt. Und es gibt Antworten, gewiss. Aber wir stehen auch immer wieder fassungslos vor dem, was damals geschah, was alles geschehen konnte. Die NS-Verbre-chen, die im Holocaust gipfelten, bleiben ein Stachel im Fleisch unserer Geschichte.

Und heute? Deutschland hat sicherlich in der Welt Vertrauen zurückgewonnen. Jüdinnen und Juden leben wieder unter uns, 1945 völlig undenkbar.

Diese insgesamt positive Entwicklung ist ein Vertrauensbeweis. Und ein Vertrauensvorschuss.

Mit diesem Vertrauen geht einher der Glaube in unsere Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und das Vertrauen, Antisemitismus und Rassismus die Stirn zu bieten.

Mit ihm geht die Verpflichtung einher, stets und überall dagegen aufzustehen, wenn Menschen angefeindet werden, weil sie einem anderen Glauben anhängen oder eine andere Kultur pflegen, weil sie anderer Herkunft sind oder anders aussehen.

Das schulden wir den Opfern und ihren Angehörigen, das schulden wir uns allen. Die meisten von uns, die in Deutschland leben, denken so. Doch leider, meine Damen und Herren, gibt es immer noch oder schon wieder Unbelehrbare.

Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet. Antisemitische Einstellungen spuken nicht nur in den Köpfen, sie manifestieren sich auch in hasserfüllten Taten. 2012  nahm lt. Bundesinnenministerium die Zahl antisemitischer Straftaten gegenüber dem Vorjahr um 10,6 % zu, während die Zahl fremdenfeindlicher Gewalttaten um 10,8 % anstieg.

Erschreckende Befunde, vor denen wir die Augen nicht verschließen dürfen. Es liegt an uns, dem Antisemitismus den Boden zu entziehen und dafür Sorge zu tragen, dass Andersgläubige und Andersdenkende, dass Minderheiten bei uns geschützt sind.

Wohin Vorurteile, Hass und Fremdenfeindlichkeit führen können, das hat gerade die Mordserie an Mitbürgern mit Migrationshintergrund gezeigt, die nun im sog. NSU-Prozess aufgearbeitet werden.

Unbegreifliche Pannen, von denen die Arbeit der Sicherheitsdienste gekennzeichnet war, haben gezeigt, wie fatal sich ein Festhalten an eingefahrenen Denkmustern und stereotypen Auffassungen über bestimmte Bevölkerungsgruppen sowie ein Wegsehen und Nichtwahrhabenwollen auswirken können.

Dies fängt oft im Kleinen an. Freuen wir uns wirklich vorbehaltlos mit unserer Tochter, wenn sie mit einem muslimischen Freund erstmals nach Hause kommt oder warnen wir vor dem anderen Glaubens- und Kulturkreis?

Freuen wir uns wirklich vorbehaltlos mit unserem Sohn, wenn dieser mit einer türkischen Freundin erstmals nach Hause kommt oder warnen wir subtil vor irgendwelchen Brüdern, die möglicherweise irgendwann Rache nehmen?

Wir alle sind fassungslos über die Situation vor Lampedusa und den tragischen Schicksalen dieser Menschen, die ihre Leben riskieren und viel zu oft tatsächlich verlieren, weil Sie vor Krieg und Elend fliehen und Rettung in einem anderen Teil der Erde suchen.

Beschämend ist das für Europa, was sich dort abspielt.

Aber freuen wir uns vorbehaltlos mit den Geretteten, wenn diese nebenan in einem durch die Behörden eiligst hergerichteten Übergangsheim untergebracht werden, oder lamentieren wird nicht doch über Lärm oder unterschwellig vermutete Gefahren?

Und ich sage ganz bewusst auch hinsichtlich der aktuellen Diskussion um Straßenumbenennungen: Können wir es uns wirklich erlauben, einem zweifelsfrei hoch angesehenen Komponisten ein zusätzliches Denkmal durch einen Straßennamen zu geben, wenn er gleichzeitig Hymnen auf Adolf Hitler komponiert hat?

Sicherlich sind die Anwohner ungehalten, aber eine Stadt hat auch noch andere Dinge zu gewichten: Die Erkenntnisse von Herrn Bürger lagen nun einmal vor 40 Jahren noch nicht vor, tun es aber heute.

Wie kann eine solche Straßenbenennung im Lichte beispielsweise dieser Veranstaltungsreihe oder unserer politischen und moralischen Grundeinstellung vertreten werden? Ich sage: Gar nicht!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Mitmenschlichkeit, Demokratie und Freiheit setzen sich nicht von alleine durch und bleiben auch nicht automatisch erhalten. Sie zu erreichen und zu bewahren, dazu braucht es aufrechte, couragierte Bürgerinnen und Bürger, dazu braucht es ein gesellschaftliches Klima, das Rassismus und Gewalt ächtet.

Und deshalb ist Gedenken, ist das Bewahren der Erinnerung unverändert wichtig mit gleichzeitigem Blick auf die aktuelle Situation im Hier und Jetzt.

Die Verantwortung anzunehmen, die sich aus der Geschichte ergibt und unsere Werte zu verteidigen, das ist unsere Aufgabe, heute und morgen. Die Geschichte der NS-Zeit macht deutlich, wie schnell unsere Werte zu gefährden sind und wie dünn das Eis der Zivilisation sein kann.

Die Geschichte früherer Epochen und insbesondere der Nachkriegszeit hingegen zeigt uns, dass eine andere Gesellschaft möglich ist und dass es immer wieder mutige Menschen gab, die für Demokratie und Mitmenschlichkeit eintraten.

Die Stadt Sundern steht für Respekt und Toleranz! Dies soll die Botschaft der Veranstaltungsreihe anlässlich des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht sein.

Die Stadt Sundern möchte mit dieser Veranstaltungsreihe ein Zeichen setzen und ich bin froh, dass sich so viele Personen und Vereinigungen an dieser Veranstaltungsreihe beteiligen.

Ich danke den Vereinen und Kulturschaffenden, den Schulen und natürlich auch dem Musikverein Stockum für die Begleitung des heutigen Tages.

Ein ganz besonderer Dank geht an Frau Uta Koch, die für die gesamte Organisation und Durchführung verantwortlich zeichnet.

Ich würd mich sehr freuen, wenn Sie sich in der Zeit bis zum 23. November  die Zeit nehmen würden, die eine oder andere Veranstaltung zu besuchen. Ich bin mir sicher, das wird sich lohnen!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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