NIE WIEDER KRIEG oder: heuchlerische Debatte?!

By admin um 18:15 am Montag, Oktober 30, 2006

https://www.tagesspiegel.de/meinung/archiv/27.10.2006/2859943.asp

*POSITIONEN*

*Wer mit dem Schädel spielt*

*Störung der Totenruhe?? Die Debatte um die Soldaten ist heuchlerisch
Von Sibylle Tönnies*

Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant! heißt ein lateinisches
Sprichwort. Es diente den Römern als Ermahnung, die moralischen Maßstäbe
gegenüber Pubertierenden nicht zu hoch zu setzen. Gerade diejenigen, die
in diesem Alter Dummheiten machen, sind oft die Besten, und gerade sie
sollte man nicht kaputtmachen , diese Weisheit liegt dem Sprichwort
zugrunde. Sie wird missachtet, wenn Jahre zurückliegende jugendliche
Dummheiten in die Schlagzeilen kommen.

Es ist die Frage, ob Soldaten Mörder sind , auf jeden Fall sind sie
Kinder: große Kinder, die noch nicht auf eigenen Füßen stehen, sondern
gerade erst unter der Schürze ihrer Mutter hervorgekrochen sind und in
der Befehlsstruktur einer Armee nach Geborgenheit suchen. Von jeher
stellt das Militär blutjunge Kerle an die Waffen (die Genfer Konvention
erlaubt das Einziehen von Fünfzehnjährigen). Von jeher macht sich das
Militär die Gehorsams- und Sterbebereitschaft zunutze, die das Ergebnis
von Unreife ist. Will man diesen Vorteil nutzen, so darf man sich
andererseits nicht über frivole Verspielheit beklagen.

*Zum Thema*

*Karte: *Afghanistan
<https://www.tagesspiegel.de/meinung/archiv/27.10.2006/2859943.asp>

Denn alles kann man nicht haben: die nützliche Unreife und die nötige
Abgeklärtheit, die verbietet, mit einem Schädel dummes Zeug zu machen.

Weiß man denn, was die jungen Medizinstudenten während ihres Praktikums
in der Pathologie für Witze machen? Ich habe schon Erstaunliches darüber
gehört, wie es am Leichentisch zugeht, wenn keiner guckt. Angeblich ist
da auch das Obszöne nicht ausgeschlossen. Erstaunlich sind solche
Berichte allerdings nur, solange nicht berücksichtigt wird, wie schwer
das psychische System die körperliche Begegnung mit dem Tod verarbeitet.
Die Dummheiten, die anlässlich dieser Begegnung gemacht werden, sind
wahrscheinlich ganz gesund. Sie verhindern, dass die Eindrücke nach
innen schlagen.

Dasselbe gilt, verschärft, für die Jungens, die mitten aus einem
harmlosen Alltag gerissen und mit der Möglichkeit, töten zu müssen oder
selbst getötet zu werden, konfrontiert sind. Wenn sie dadurch nicht in
seelische Abgründe gerissen werden wollen, müssen sie einen frivolen
Humor aktivieren. Die Verwegenen unter ihnen können die Gelegenheit, den
Tod einmal kräftig auf die Schippe zu nehmen, nicht gut auslassen. Man
sollte sie ungestraft lassen.

Man wird sie, wenn man die einschlägige Vorschrift des Strafgesetzbuchs
richtig anwendet, auch ungestraft lassen müssen. Eine Störung der
Totenruhe setzt nämlich eine besonders hohe Missachtungskundgebung
voraus, mit welcher dem Toten Verachtung entgegengebracht und ihm
Schimpf angetan werden soll. Dieser Fall liegt hier nicht vor. Nicht
einem Toten wurde hier Schimpf angetan. Sondern dem Tod. Seine Hoheit
persönlich wurde verarscht. Fuck you! wurde ihm, der sich in dem
Schädel als seiner Ikone verkörpert, zugerufen. Anders ausgedrückt: Dem
Sensenmann wurde der Stinkefinger gezeigt.

Die Reaktion der Öffentlichkeit ist heuchlerisch. Sie verdrängt mit
ihrer Empörung, dass sie sich selbst gerade in dem heiklen Bereich von
Tabu und Frevel bewegt. Sie verdrängt die Skrupel, die fällig sind, weil
sie zulässt, dass Deutschland, ohne angegriffen zu sein, wieder
Soldaten in die Welt schickt, die dort offensiv tötend tätig werden.
Deutschland ist wieder normal geworden, in der Weise, dass es den
Schwur gebrochen hat, den es nach dem Zweiten Weltkrieg abgelegt hat:
Nie wieder Krieg! Das Tötungs- Tabu sollte diesem Volk in Zukunft
absolut heilig sein. Kein Deutscher soll jemals wieder einen Helm
tragen, hatte Konrad Adenauer gesagt, und nur aufgrund dieses Schwurs
waren die Deutschen imstande, nach 1945 wieder ihr gesenktes Haupt zu
heben.

Wenn ein Tabu gebrochen wird und die Angst vor Frevel aufkommt, werden
Sündenböcke gebraucht. Man macht sich sauber, indem man sie verdrischt.
So schicken die Deutschen ihre Jungens wieder hinaus in den bösen alten
Tanz aber erlauben ihnen nicht, die damit verbundenen Belastungen auf
ihre jugendliche Weise, nämlich frivol und obszön, zu kompensieren. Sie
dürfen töten, aber sie dürfen sich nicht dadurch entlasten, dass sie
den Tod auf die Schippe nehmen.

/Die Autorin ist Juristin und Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam./

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