Toni Becker: Leben im Wald

By admin um 7:28 am Freitag, August 10, 2012

LEBEN

Toni Becker aus Sundern wohnt mit seiner Familie in Bauwagen im Wald

08.08.2012 | 19:13 Uhr

Toni Becker aus Sundern wohnt mit seiner Familie in Bauwagen im Wald
Ein Leben im Bauwagen: Was viele sich nicht einmal vorstellen können, ist für Toni Becker aus Sundern Realität.Foto:

Toni Becker wohnt seit 30 Jahren mit seiner Familie in Bauwagen im Wald. Früher, in den ersten Jahren, sogar ohne Strom und fließendes Wasser. Später, als die Kinder krabbelten, wurde die Kerzenbeleuchtung zu gefährlich, seitdem gibt’s auch Elektrizität. Seit ein paar Jahren vertritt Becker seine Überzeugung nun auch im Stadtrat und Kreistag.

Dies ist eine Geschichte aus einer anderen Welt. Einer Welt, in der die Zeit ein paar Jahrzehnte stehen geblieben zu sein scheint. Von Menschen, die ein wenig abseits der Zivilisation versuchen mit der Natur zu leben. In bunten Bauwagen mitten im Wald. Aber es ist keine Geschichte von idyllischer Schwärmerei.

Toni Becker öffnet seine Welt und die seiner Familie nur zögerlich. Verständlich. 30 Jahre lebt er nun schon hier auf diesem Fleckchen Erde im Sauerland, jahrzehntelang nur geduldet. Lange galt: Nur nicht zu sehr auffallen. Oft sprach er mit Behörden und stritt mit ihnen, verhandelte und kämpfte um seine Existenz.

Einen „verwunschenen Platz“ gefunden

Anfang der 80er Jahre war Toni Becker ins Sauerland zurückgekehrt, dorthin, wo er die ersten sechzehn Jahre seines Lebens verbracht hatte. Länger hatte er es in seinem kleinen Heimatdorf nicht ausgehalten. Ihn zog es in die Welt, er studierte, fuhr jahrelang mit einem umgebauten Bus durch Europa und Afrika, verbrachte eine Zeit lang in Asien. „Aber dann wollte ich zurück, ein Nest bauen, eine Kinderstube“, erklärt er die Rückkehr.

Er suchte und fand den „verwunschenen Platz“, über den sie damals in der Schule oft gesprochen hatten. Ganz am Rande von Sundern, in einem Waldstück. Wer hierher kommt, spürt tatsächlich einen gewissen Zauber. Ein besonders Flair. „So ein starkes Gefühl“, beschreibt es Becker. Der Platz, hoch über den Nachbardörfern, dort, wo am Abend die Sonne am längsten scheint, abseits der großen Straßen. Nur ein Feldweg führt dorthin, wo Toni Becker mit seiner Lebensgefährtin wohnt, wo sie ihre drei Kinder aufzogen. Tibetische Gebetsfahnen wehen an einer Leine im leichten Sommerwind, Bienen summen im nahen Stock.

Kinder bekamen einen eigenen Bauwagen

Zwei Bauwagen, über Eck gestellt und mit einer Holzhütte verbunden, bilden heute noch das Zentrum des Anwesens. „Es waren mal sieben“, sagt Becker. Ein Küchenwagen und ein Wagen mit Bad und Büro kamen damals hinzu. Und als die Kinder größer wurden, erhielten sie ihren eigenen „Kinderwagen“, etwas entfernt von den Eltern auf dem weitläufigen Grundstück aufgestellt.

Als Becker den verwunschenen Platz das erste Mal sah, fand er dort nur eine vom Vandalismus vieler Jahre gezeichnete Ruine. Um 1905 hatte dort ein als „Kräuteronkel aus dem Sauerland“ bekannter Heiler eine für damalige Verhältnisse prächtige Villa gebaut. Nach seinem Tod wechselten die Besitzer alle paar Jahrzehnte. Zuletzt, in den Sechzigern, hatte ein Immobilienspekulant das heruntergekommene Haus und Grundstück erworben, um ein Feriendorf zu bauen.

Ein bisschen Südfrankreich im Sauerland

Bis er die Investoren gefunden hatte, so dachte der Spekulant, kam ihm eine junge Waldarbeiterfamilie mit Bauwagen gerade recht. Becker durfte als Mieter auf dem Platz campieren, um auch den Wald in Ordnung zu halten. Viele Jahre später erst, die Feriendorf-Pläne hatten sich in Luft aufgelöst, verkaufte er das Gelände an Becker. Da hatten die Achsen der Bauwagen schon Rost angesetzt und waren zum festen Zuhause geworden.

Mediterran. Wer Südfrankreich im Frühsommer kennt, fühlt sich an diesem Hochsommertag im Sauerland unweigerlich an sie erinnert. Lila blühende Phacelia-Felder zwischen gerade abgemähten Wiesen. Grüne Obstbäume und Zisternen, in denen sich Regenwasser sammelt und der tiefblaue Himmel spiegelt. Im Nutzgarten biegen sich Toma­ten­sträucher unter der Last ihrer roten Früchte. Idyllisch. Paradiesisch. „Und fürchterlich viel Arbeit“, vertreibt Becker jeden Anflug von Romantik.

Aufzucht von Waldbäumen nach ökologischen Maßstäben

Mit der Aufzucht von Waldbäumen verdient er, der nicht nur Sozialpädagoge, sondern auch Forstmeister ist, heute sein Geld. Eichen, Zuckerahorn, Robinien sind nach Kyrill in der heimischen Forstwirtschaft gefragt. Und er betreibt die Aufzucht nach ökologischen Maßstäben. Was bedeutet: Alles wächst schneller als seine kleinen Bäumchen. „Jäten, jäten, jäten. Das ist echt ’ne Nummer“, stöhnt er, aber denkt nicht eine Sekunde daran, die Chemiekeule einzusetzen.

Jahrelang hat Becker seine Überzeugung privat gelebt, sich nahezu autark versorgt. Früher, in den ersten Jahren, sogar ohne Strom und fließendes Wasser in den Bauwagen. Später, als die Kinder krabbelten, wurde die Kerzenbeleuchtung zu gefährlich, und seitdem gibt’s auch Elektrizität für Beleuchtung und Computer in den erstaunlich geräumigen Bauwagen. Seit ein paar Jahren vertritt Becker seine Überzeugung nun auch im Stadtrat und Kreistag.

Die Energiewende ist sein Thema

Die Energiewende ist sein Thema. „Aber sie wird zu oft nur als Wende hin zu anderen Formen der Energieerzeugung gesehen. Das ist mir zu wenig. Wir müssen unsere Lebensgewohnheiten ändern.“ Regionale Lebensmittel kaufen, dezentrale Versorgung nutzen, auf kurze Wege setzen, lautet das Credo.

So ganz anders ist die Welt dann doch nicht. Tatsächlich gewinnt Regionalität immer mehr Anerkennung. Die hat auch Beckers Zuhause erfahren. Seit kurzem ist es von der Gemeinde akzeptiert – und damit auch in der Behörden-Welt angekommen.

Heinz Krischer

 

Quelle: https://www.derwesten.de/staedte/sundern/toni-becker-aus-sundern-wohnt-mit-seiner-familie-in-bauwagen-im-wald-id6963941.html

Filed under: Uncategorized kommentieren »

Keine Kommentare »

Keine Kommentare.

RSS feed der Kommentare dieses Beitrags. TrackBack URI

kommentieren