Wann kommt das Aus für die Bonhoeferschule?

By admin um 18:46 am Dienstag, Januar 3, 2012
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 Stefan Laurin|25.12.2011
Die Förderschulen stehen vor dem Aus

SPD, Grüne und CDU wollen Behinderte besser in das Schulsystem integrieren

 

Es gibt 130 000 behinderte Schüler in Nordrhein-Westfalen. Gut 105 000 von ihnen besuchen Förderschulen. Ob körper- oder lernbehindert, ob taub oder mit sozialen Defiziten – für die unterschiedlichsten Behinderungen gibt es spezielle, auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmte Angebote mit speziell ausgebildeten Lehrern und Pflegekräften. Doch geht es nach SPD, CDU und Grünen ist es damit bald vorbei. Im Dezember vergangenen Jahres beschlossen die drei Parteien, künftig behinderte Schüler auf die klassischen Schulformen zu verteilen. Sie folgen damit einer UN-Konvention, die Deutschland ratifiziert hat und die Länder zur sogenannten Inklusion, der stärkeren Einbindung behinderte Schüler in das konventionelle Schulsystem, verpflichtet. Ein von der Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten der Bildungsforscher Klaus Klemm und Ulf Preuss-Lausitz fordert die weitgehende Auflösung der Förderschulen bis zum Jahr 2020.

Klemm und Preuss-Lausitz sehen in der Auflösung der Förderschulen nur Vorteile: Behinderte Schüler werden besser integriert, lernen mehr und haben später bessere Chancen im Beruf. Und die nicht behinderten Kinder würden durch den täglichen Umgang mit Behinderten sozialer und offener.

Den Optimismus der Bildungsforscher teilen nicht alle. Olaf. B. ist Lehrer an einer Förderschule im Rheinland. Seinen vollen Namen will er nicht nennen. „Klemm und Preuss-Lausitz sind sehr weit weg vom Alltag in den Förderschulen. Vor allem die Kinder mit emotionalen Defiziten und schweren geistigen Behinderungen sind sehr schwer in konventionelle Schulen zu integrieren.“ Bs. Schulalltag hat dann auch wenig mit der Idylle der Bildungsexperten gemein. Er berichtet von Schülern, die andere Kinder angreifen, schreiend den Unterricht stören und von Kindern, für die Anweisungen der Lehrer keinerlei Bedeutung haben. „Auf dem Papier liest sich das alles so einfach, aber ein oder zwei dieser Kinder lassen eine ganze Klasse kippen. An normalen Unterricht ist dann nicht mehr zu denken.“ Und natürlich, da ist sich B. sicher, würden die anderen Kinder darunter leiden und weniger als bislang lernen.

Aber auch für die behinderten Kinder ist das Lernen in einer herkömmlichen Schule nach Ansicht des Förderschullehrers nicht von Vorteil: „Wenn wir in der Schule mit diesen Kindern Erfolge erzielen, dann durch eine ganz enge und langjährige Bindung zwischen den Kindern und uns. Das ist mühselig, aber es gelingt. Im normalen Unterricht ist dafür kein Platz, auch wenn Förderschullehrer künftig verstärkt an konventionellen Schulen eingesetzt werden.“ Zudem würden den Kindern täglich ihre Defizite vor Augen geführt: „Lernbehinderte sind nun einmal langsamer und interessieren sich für andere Dinge als ihre Altersgenossen. Wenn sie das jeden Tag erfahren, ist das nicht gerade gut für ihr Selbstbewusstsein und für den Spaß am lernen.“

Der FDP-Landtagsabgeordnete Ralf Witzel spricht sich dafür aus, dass auch künftig ein dichtes Netz an Förderschulen erhalten bleibt. Allerdings ist auch er dafür, verstärkt behinderte Kinder in konventionellen Schulen zu unterrichten – wenn es denn gut für sie ist: „Alternativ zum gemeinsamen Unterricht wünschen viele Eltern den Besuch ihrer Kinder in Förderschulen. In diesen Schulen sind für die besondere Aufgabenstellung der sonderpädagogischen Förderung in kleinen Lerngruppen speziell ausgebildete Lehrer tätig, die mit besonderer Fachkompetenz und Hingabe daran arbeiten, die Bildungschancen und Lebenssituation benachteiligter Kinder und Jugendlicher zu verbessern.“

Für den Praktiker B. kommt noch ein weiteres Problem hinzu: „Inklusion findet heute in der Sekundarstufe 1 vor allem an den Hauptschulen statt, künftig aber vor allem an Gemeinschaftsschulen. Dort wird die Lage dann ausgerechnet für die Kinder schwieriger, die ohnehin schon benachteiligt sind.“ Die Eltern, sagt B., ahnten noch nicht einmal, was da wirklich auf sie zukommt.

Eine mögliche Konsequenz: Eltern, deren Kind nicht aufs Gymnasium gehen kann, weil dort nur die am wenigsten behinderten Schüler unterkommen, werden in Privatschulen flüchten. Die Inklusion könnte also einen Effekt haben, den sich die Befürworter CDU, Grüne und SPD wünschen: Eine noch stärkere Aufteilung der Kinder nach dem Einkommen der Eltern. Denn den Plänen der Landesregierung werden sich die Eltern mit höheren Einkommen entziehen können.

Das Land äußerte sich auf Anfrage dieser Zeitung noch nicht detailliert zu seinen Plänen. Im Moment, so hieß es aus dem Schulministerium, werden die verschiedenen Möglichkeiten diskutiert. Man strebe einen möglichst breiten Konsens an, auch zu möglichen Kosten könne man sich noch nicht äußern.

Aber alle Gutachten empfehlen dem Land die Auflösung des dichten Netzes der Förderschulen. Kaum denkbar, dass sich Union, Grüne und SPD dem nicht anschließen werden.

 

 

 

 

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